Zwanzigste Roggenernte am Todesstreifen der Mauer

An der Gedenkstätte Berliner Mauer wurde die zwanzigste Roggenernte auf dem ehemaligen Todesstreifen eingefahren, aus dem Brot und Lebkuchen entstehen, die an die Überwindung der Gewalt erinnern

An der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße wurde kürzlich wieder Roggen geerntet. Helferinnen und Helfer brachten die diesjährige Ernte – geschätzt 300 bis 400 Kilogramm – mit einem Mähdrescher ein. Es handelt sich hierbei um die 20. Roggenernte seit Beginn des Projekts im Jahr 2006. Was auf dem kleinen Feld an der historischen Grenze wächst, ist mehr als nur Getreide: Es ist ein Symbol für das Leben, das auf dem einstigen Todesstreifen zurückkehrt.

Die Hälfte des geernteten Roggens wird zu Mehl verarbeitet, aus dem Besucher der Kapelle der Versöhnung frische Brote und Brötchen probieren können. Auch für Lebkuchen und Oblaten zum Weihnachtsfest findet das Korn Verwendung. Ein weiterer Teil der Ernte fließt in das internationale Projekt „Friedensbrot e.V.“, bei dem Getreide aus elf europäischen Ländern zu einem gemeinsamen Brot vereint wird. Damit verbindet sich die lokale Geschichte mit einer weltweiten Geste der Versöhnung.

Vom Todesstreifen zum Feld des Lebens

Die Idee zum Anbau von Getreide geht auf Ostberliner Anwohner zurück, die kurz nach dem Mauerfall 1989 Lupinen auf dem verwüsteten Boden säten. Ihr Ziel war es, den als „Todesstreifen“ berüchtigten Bereich zu rekultivieren und das Leben in die öde Fläche zurückzubringen. Seit 2006 wird das rund 2.000 Quadratmeter große Feld wissenschaftlich vom Albrecht-Daniel-Thaer-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin betreut.

Das Projekt startete als Kunst- und Erinnerungsaktion von Michael Spengler (Atelier denkwerk) gemeinsam mit der Versöhnungsgemeinde. Heute ist es ein fester Bestandteil der Gedenkstätte und ein wichtiger Teil des Erinnerns. Um die Bodenqualität zu verbessern und den Insektenschutz im Herzen der Stadt zu fördern, wachsen auf Teilflächen des Feldes derzeit insektenfreundliche Luzerne, bevor im nächsten Jahr wieder Roggen auf der gesamten Fläche gesät wird.

Ein Ort der Erinnerung

Die Kapelle der Versöhnung, die 2000 eingeweiht wurde, steht auf den Grundmauern der Versöhnungskirche, die einst direkt an der Mauer lag und 1985 von der DDR gesprengt wurde. Der Anbau des Roggens auf diesem Boden unterstreicht den Kreislauf des Lebens und die Überwindung von Gewalt.

Am 13. August 2026 jährt sich der Mauerbau zum 65. Mal. Passend zu diesem Gedenktag wird eine Sonderausstellung zum 20-jährigen Bestehen des Roggenfelds organisiert, die bis Oktober 2026 läuft. Sie dokumentiert den einzigartigen Weg von den ersten Saatgut-Lupinen über die erste Roggenaussaat bis hin zur aktuellen Ernte.