UNESCO-Komitee in Busan prüft Erweiterung der Berliner Moderne um Waldsiedlung Zehlendorf
Das UNESCO-Komitee in Busan prüft die Erweiterung der Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ um die Waldsiedlung Zehlendorf
In der südkoreanischen Küstenstadt Busan tagt derzeit das Welterbekomitee der UNESCO. Bis zum 29. Juli 2026 prüfen die Experten in der knapp zweiwöchigen Sitzung neue Bewerbungen für die Liste der Kultur- und Naturerbestätten. Unter den mehr als 30 Anträgen aus aller Welt befindet sich auch eine deutsche Nominierung, die weit über die Berliner Stadtgrenzen hinaus Beachtung findet: die Erweiterung der bereits bestehenden Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ um die Waldsiedlung Zehlendorf.
Ein Meilenstein der modernen Stadtplanung
Die Waldsiedlung im Südwesten Berlins ist nicht als eigenständiges Objekt vorgesehen, sondern soll als siebte Komponente in das 2008 anerkannte Ensemble integriert werden. Die Siedlung, die zwischen 1926 und 1932 von der GEHAG erbaut wurde, gilt als herausragendes Beispiel für den sozialen Wohnungsbau der Weimarer Republik. Mit einer Fläche von 34,46 Hektar und 1.915 Wohneinheiten ist sie die größte aller Siedlungen der Berliner Moderne.
Architektonisch geprägt wurde das Areal maßgeblich von Bruno Taut, einem führenden Vertreter der Neuen Sachlichkeit, sowie von Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg. Tauts charakteristische Farbgestaltung, die der Anlage im Volksmund den Namen „Papageiensiedlung“ oder auch „Farbtopf“ einbrachte, verleiht den Häusern bis heute ihre unverwechselbare Strahlkraft. Die landschaftliche Gestaltung übernahmen Leberecht Migge und Martha Willings-Göhre, wodurch das Konzept der Verknüpfung von Wohnen und Grünraum perfektioniert wurde.
Ein revolutionäres Infrastruktur-Konzept
Ein besonderes Alleinstellungsmerkmal der Waldsiedlung ist die Integration von Infrastruktur und Handel. Teil der Anlage ist die Ladenstraße am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte, der 1929 von Alfred Grenander entworfen wurde. Das revolutionäre Konzept, ein Einkaufszentrum direkt an einen Bahnhof anzubinden und durch Ladenarkaden sowie ein Kino zu erweitern, war in den 1930er Jahren weltweit einmalig.
„Die Siedlungen der Berliner Moderne sind herausragende Objekte der Stadtentwicklung und ein städtebaulicher und kultureller Schatz mit internationaler Strahlkraft“, betonte Berlins Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Christian Gaebler (SPD), bereits bei früheren Anlässen. Die Waldsiedlung Zehlendorf sei weltweit wegweisend für die Umsetzung des sozialen Wohnungsbaus. Die Chancen auf eine positive Entscheidung durch das Komitee werden als gut eingeschätzt. Über den Antrag wird voraussichtlich am 27. Juli 2026 befunden.
Schauplätze des Zweiten Weltkriegs im Fokus
Neben der deutschen Bewerbung steht auch ein historisch gewichtiger Antrag aus Frankreich auf der Tagesordnung. Die Franzosen haben die D-Day-Landungsstrände in der Normandie zur Anerkennung als Welterbestätte nominiert. Die Nominierung umfasst die fünf historischen Strände Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword sowie weitere mit der alliierten Landung verbundene Erinnerungsorte.
Am 6. Juni 1944 landeten dort Soldaten der Alliierten und leiteten den Befreiungszugang Europas von den Verheerungen des Nationalsozialismus ein. Zur Streitmacht gehörten damals vor allem US-Amerikaner, Briten, Kanadier, Polen und Franzosen. Etwa 3.100 Landungsboote mit mehr als 150.000 Soldaten machten sich auf den Weg nach Nordfrankreich, wobei Tausende von ihnen den Tod fanden. Die Aufnahme dieser Stätten würde das Gedenken an dieses entscheidende Ereignis des Zweiten Weltkriegs auf ein neues, globales Fundament stellen.
Erhalt gefährdeter Stätten im Zentrum
Ein zentrales Thema der aktuellen Tagung in Busan ist zudem die Frage, wie der Erhalt der Welterbestätten nachhaltig gesichert werden kann. Derzeit werden 53 der insgesamt 1.248 registrierten Kultur- und Naturstätten in 170 Ländern als gefährdet eingestuft. Die Bedrohungen reichen von kriegerischen Konflikten über Naturkatastrophen bis hin zu den zunehmenden Folgen des Klimawandels und massiven Bauarbeiten.
Zu den gefährdeten Orten zählen bekannte Wahrzeichen wie die Pyramiden von Gizeh in Ägypten, das australische Great Barrier Reef und die Inka-Stadt Machu Picchu in Peru. Zum Glück ist von den 52 deutschen Kulturerbestätten und drei deutschen Naturerbestätten keine als unmittelbar gefährdet gelistet. Die Entscheidung über die Erweiterung der Berliner Moderne um die Waldsiedlung Zehlendorf wird daher unter den Bedingungen einer stabilen deutschen Denkmallandschaft getroffen.