Multispektralanalyse enthüllt verborgene Malereien am 650 Jahre alten Böhmischen Altar im Brandenburger Dom

Moderne Multispektralanalyse macht bislang unsichtbare Malereien am 650 Jahre alten Böhmischen Altar im Brandenburger Dom wieder erkennbar

Multispektralanalyse enthüllt verborgene Malereien am 650 Jahre alten Böhmischen Altar im Brandenburger Dom
Symbolfoto · Foto: Markus Kammermann / Unsplash

Ein Schatz aus dem Jahr 1375 wird neu beleuchtet

Der Böhmische Altar im Brandenburger Dom gilt als eines der spektakulärsten Werke des europäischen Mittelalters und ist das einzige nahezu vollständig erhaltene Retabel böhmischer Herkunft nördlich der Alpen. Anlässlich seines 650. Jubiläums, das im Herbst 2025 mit einem Forschungskolloquium und einer Kabinettausstellung gefeiert wurde, hat eine neue, intensive Forschungsphase eingesetzt. Trotz der weltweiten Bekanntheit des monumentalen Flügelretabels, das im Zentrum die Krönung Mariens zeigt und rund 56 geschnitzte und gemalte Figuren umfasst, bleiben viele seiner Rätsel ungelöst. Besonders die Außenseiten der Flügel, die bei geschlossenem Altar sichtbar sind, werfen Fragen zur Entstehungsgeschichte, zur ursprünglichen Nutzung und zum genauen Bildprogramm auf, da die Malereien dort oft nur fragmentarisch erhalten sind.

Moderne Technik für alte Geheimnisse

Um diese Lücken zu schließen, setzen die Projektleiterinnen nun auf modernste wissenschaftliche Verfahren. Im Rahmen einer engen Kooperation zwischen dem Domstift Brandenburg und dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischem Landesmuseum (BLDAM) werden die bislang kaum sichtbaren Bereiche einer Multispektralanalyse unterzogen. Dabei werden die zu untersuchenden Stellen mit Strahlungen verschiedener Wellenlängenbereiche des elektromagnetischen Spektrums beleuchtet und fotografiert. Zu diesen Bereichen gehören neben dem sichtbaren Licht auch die ultraviolette und die Infrarotstrahlung. Abhängig von den Materialeigenschaften der angestrahlten Fragmente werden die einzelnen Wellenlängen unterschiedlich absorbiert oder reflektiert, wodurch bisher unsichtbare oder stark verblasste Malereien wieder erkennbar werden.

Neue Erkenntnisse und historische Schichten

Die Projektleiterinnen Katharina Januschewski vom Dommuseum und Dörte Busch vom BLDAM bestätigen, dass die Analyse bereits zu zahlreichen neuen Entdeckungen geführt hat. Januschewski, die sich seit fast einem Jahr intensiv auf die kunsthistorische Erschließung des Altars spezialisiert hat, und Busch, die ihre Expertise in Restaurierungstechniken einbringt, werten die Ergebnisse in den kommenden Wochen weiter aus. Schon jetzt deuten die Befunde darauf hin, dass die Außenseiten der Flügel ein komplexeres Bildprogramm trugen als bisher angenommen. Dies korrespondiert mit Erkenntnissen aus der Fachtagung im Herbst 2025, bei der erstmals Hinweise auf ein bislang übersehenes Passionsszenario gefunden wurden, das auf böhmische Vorbilder verweist.

Von der Weihe bis zur Gegenwart

Die Geschichte des Altars ist eng mit der politischen und kulturellen Blütezeit unter Kaiser Karl IV. verknüpft, der enge Beziehungen zu Brandenburg unterhielt. Am 12. April 1375 wurde das Werk durch Bischof Dietrich von der Schulenburg geweiht und prägte für fast 180 Jahre den liturgischen Alltag am Dom, bevor er im 16. Jahrhundert dem Lehniner Altar weichen musste. Auch spätere Eingriffe haben Spuren hinterlassen: Bei Restaurierungen in den 1960er-Jahren wurden winzige Reliquienpäckchen hinter einigen Figuren entdeckt, die heute als faszinierende Zeugnisse mittelalterlicher Frömmigkeit in der Kabinettausstellung gezeigt werden. Der Böhmische Altar steht exemplarisch für die reichen und kulturhistorisch bedeutenden Schätze des Domstifts, deren wissenschaftliche Erschließung erst am Anfang steht.