Wagenknecht verteidigt DDR-Hymne in Dessau und bezeichnet Empörung als überzogen
Sahra Wagenknecht verteidigt das Singen der DDR-Hymne bei einer AfD-Veranstaltung als Ausdruck ostdeutscher Identität und bezeichnet die Empörung als überzogen
Nach dem Singen der DDR-Hymne bei einer Wahlveranstaltung der AfD in Dessau-Roßlau hat sich eine hitzige Debatte entzündet. Während Opfervertreter und Aufarbeitungsbeauftragte von einer Verharmlosung der Diktatur sprechen, hält BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht die Empörung für überzogen. „Wer die DDR-Hymne singen möchte, soll sie singen. Hier wird wieder ein Skandal herbeigeredet, wo keiner ist“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Ihrer Ansicht nach sollten sich Ostdeutsche die Erinnerung an ihre Hymne nicht nehmen lassen.
Vorfall in Dessau-Roßlau
Der Konflikt begann am Dienstag, dem 14. Juli 2026, auf einer AfD-Veranstaltung in Sachsen-Anhalt. Der Kabarettist Uwe Steimle stimmte dort die DDR-Hymne an. Auch AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla und der sachsen-anhaltische Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sangen zumindest Teile des Liedes mit. Im Anschluss an diesen Akt wurde noch die Hymne der Bundesrepublik Deutschland gesungen.
Steimle verteidigte seinen Auftritt später als Satire. Er betonte, er sei ein „alter Linker“ und sehe Deutschland aus seiner Perspektive weiterhin als „besetztes Land“. Diese Haltung ist nicht neu; der Künstler hat sich in der Vergangenheit immer wieder kritisch zum westdeutschen Einfluss und zur Art der Wiedervereinigung geäußert.
Ermittlungen und Kritik
Der Vorfall hat nicht nur politische, sondern auch rechtliche Konsequenzen nach sich gezogen. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau hat ein Ermittlungsverfahren gegen Uwe Steimle eingeleitet. Der Verdacht lautet auf Störung des öffentlichen Friedens gemäß § 126 StGB.
Die Kritik an dem Geschehen ist scharf. Evelyn Zupke, die SED-Opferbeauftragte, sprach von einer „Verharmlosung der DDR“. Für die Menschen, die Opfer des Systems wurden, sei eine solche Geschichtsvergessenheit unerträglich. Auch Johannes Beleites, der Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt, zeigte sich empört. Er sprach von einer Geringschätzung derjenigen, die für Freiheit und Demokratie ihr Leben riskiert oder lange Haftstrafen in Kauf genommen haben.
Beleites, der selbst als ehemaliger DDR-Oppositioneller und Stasi-Verfolgter die Diktatur aus eigener Erfahrung kennt, unterstreicht mit seiner Kritik die Schwere des Vorfalls. Für ihn ist das Singen der Hymne keine harmlose Geste, sondern ein Akt, der die Opfer missachtet.
Wagenknecht sieht eigentlichen Skandal woanders
Sahra Wagenknecht hingegen lenkt den Fokus auf die aktuelle politische Stimmung. „Dass immer mehr Menschen angesichts des heutigen Medien- und Meinungsklimas an DDR-Zustände zurückdenken müssen, ist der eigentliche Skandal – nicht, dass Menschen eine Hymne singen“, sagte sie.
Sie kritisiert zudem die Zerstrittenheit der AfD in dieser Frage. Ihrer Meinung nach zeige dies, dass das Ostprofil der Partei kaum glaubwürdig sei. Mit Blick auf die Instrumentalisierung des DDR-Mopeds Simson durch die AfD fügte sie hinzu, dass solche Versuche, ostdeutsche Identität zu besetzen, oft unglaubwürdig wirkten.
Die Debatte um DDR-Symbole bei politischen Veranstaltungen ist in der Vergangenheit bereits mehrfach aufgetaucht, etwa in den Jahren 2019 und 2023. Doch die aktuelle Reaktion der Opferverbände und die Einleitung eines Strafverfahrens zeigen, dass das Thema nach wie vor hochsensibel ist. Während die einen in der Hymne ein Symbol der Unterdrückung sehen, betrachten andere sie als Teil ihrer persönlichen und regionalen Identität, die nicht pauschal verurteilt werden dürfe.