Schüler der Pestalozzi‑Schule Hohenstücken versetzen sich in Opfer der NS‑Euthanasie
Eine von der Pestalozzi‑Förderschule initiierte Ausstellung versetzt die Schülerinnen und Schüler in die Perspektive der Opfer des NS‑Euthanasie‑Programms
Kurz vor zehn Uhr lag auf dem Schulhof der Johann‑Heinrich‑Pestalozzi‑Förderschule in Hohenstücken ein frischer Popcornduft in der Luft. Während ein Teil der Schülerinnen und Schüler das Eis‑Stände‑Büffet genoss und ein Mario‑Kart‑Turnier verfolgte, öffnete sich im zweiten Stock ein stiller Raum: Dort präsentierte stellvertretender Schulleiter Christoph Altnau eine Ausstellung, die die Teilnehmenden in die Perspektive der Opfer der NS‑Euthanasie versetzt.
Projekt und Entstehung
Im November 2025 besuchten Klassen der Jahrgänge 7 bis 10 die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie‑Morde am Nicolaiplatz 28/30. Das ehemalige „Alte Zuchthaus“, das 1939 als Teil des T‑4‑Programms in Betrieb genommen wurde, erinnert heute an die systematischen Morde an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Zwischen Januar und Oktober 1940 kamen dort etwa 9 000 Menschen durch Giftgas ums Leben; 8 237 Namen sind in einem Gedenkbuch verzeichnet. Die Eindrücke des Besuchs wurden von den Klassenlehrern in den Unterricht integriert und bildeten die Grundlage für die schulinterne Ausstellung, die seitdem fester Bestandteil des Politik‑ und Geschichtsunterrichts ist.
Inhalte und Arbeitsweise
Die Schülerinnen und Schüler analysierten Filmmaterial zur Aktion T4, erstellten Plakate und gestalteten Bild‑Collagen. Besonders eindrücklich war ein großformatiges Plakat, auf dem die Lernenden eigene Schwarz‑Weiß‑Porträts einbrachten, um sich gedanklich als mögliche Opfer der NS‑Zeit zu sehen. „Sie wollten sich fragen: Was wäre gewesen, wenn wir damals gelebt hätten?“, erklärte Altnau. Die Arbeit löste bei vielen starke Emotionen aus: Einige mussten beim Film wegschauen, andere begannen zu weinen.
Schülersprecher Jiyan Genc aus der 9c berichtete, dass die Konfrontation mit dem historischen Material vielen bewusst machte, dass sie selbst zu den Opfern gehört hätten. Der Siebtklässler Nik Dittert aus der 7c fügte hinzu, dass das Projekt ihn wütend, aber zugleich tief berührt habe, weil es die Ausgrenzung von unschuldigen Menschen deutlich machte.
Bedeutung und Perspektiven
Die Ausstellung ist so konzipiert, dass sie bei Konflikten im Schulalltag wieder aufgerufen werden kann. „Wenn es Auseinandersetzungen gibt, können sie sich hier erinnern, dass Ausgrenzung und Diskriminierung nicht akzeptabel sind“, betonte Genc. Schulsozialarbeiterin Sabine Strich sieht darin einen langfristigen Auftrag: Das Thema sei nach wie vor hochaktuell, gerade wenn Rassismus wieder stärker in den öffentlichen Diskurs rückt.
Der Unterricht orientiert sich dabei am § 13 SGB VIII, der die Förderung von Kindern mit Behinderung regelt und die schulische Inklusion stärkt. Wer die Ausstellung besuchen möchte, kann sich bei der Schulleitung anmelden. Das Projekt zeigt, dass Erinnerung nicht nur eine schulische Aufgabe ist, sondern ein gemeinsames Anliegen der gesamten Gemeinde.