Kondor‑Werk in Wredowstraße 10 wandelt sich von Fahrrad‑ zu Autoherstellung, wird Wohnlofts
Das einstige Kondor‑Werk, das von 1895 bis 1901 Fahrräder und Motorwagen fertigte, wurde 2021 zu einer Loft‑Wohnanlage umgebaut
Das Kondor‑Werk entstand aus einer kleinen Schlosserei, die bereits 1870 von Leopold Liepe in der Neustädtischen Heidestraße 52 (heute Straße der Jungen Pioniere) betrieben wurde. 1894 übernahm sein Sohn Paul Liepe das Unternehmen und holte im März 1895 den erfahrenen Mechaniker Herrmann Breest als Teilhaber an Bord. Gemeinsam gründeten sie die Firma A. L. Liepe & Breest und errichteten neue Fabrikgebäude in der Wredowstraße 10, um die Produktion von Zweirädern zu starten.
Gründung und frühe Jahre
Die neu gegründete Gesellschaft konzentrierte sich zunächst vollständig auf die Fertigung von Fahrrädern, obwohl im Firmennamen noch Gas‑ und Wasserleitungen sowie Zentralheizungen erwähnt wurden. Durch die Erweiterung des Werkes und die steigende Nachfrage wuchs das Unternehmen rasch.
Umwandlung in eine Aktiengesellschaft
Im Juli 1897 wurde das Unternehmen mit einem Grundkapital von 450 000 Mark in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Bis Oktober 1899 war das Kapital auf eine Million Mark erhöht worden, und etwa 300 Beschäftigte arbeiteten im Werk. In dieser Phase erzielte die Kondor‑Fahrrad‑AG noch hohe Dividenden.
Übergang zur Automobilproduktion
Ende 1899 drängte die Konkurrenz durch günstige amerikanische Fahrräder den Markt, sodass die Kondor‑AG ihr Sortiment um Motorwagen erweiterte. Im Juni 1900 kamen die ersten Kondor‑Motorwagen auf den Markt. Die zweisitzigen Fahrzeuge verfügten über einen 3,5‑PS‑Motor, erreichten bis zu 30 km/h und kosteten zwischen 4.000 und 4.200 Mark. Auf der Nürnberger Fachausstellung im Juni 1900 erhielt das Modell eine Verdienstmedaille, und im selben Jahr wurde in Leipzig eine Goldmedaille verliehen. Trotz der Auszeichnungen verkauften sich im Jahr 1900 nur 40 Fahrzeuge.
Auflösung und Liquidation
Im Frühjahr 1901 ergänzte das Unternehmen das Angebot um Motorboote, doch die Verluste wuchsen weiter. Am 21. Dezember 1901 beschloss die Generalversammlung die Auflösung der Aktiengesellschaft. Die Liquidation erfolgte 1902 mit einem Verlust von 983 111 Mark.
Nutzung des Werks nach 1902
Nach der Schließung nutzten die Excelsior‑Fahrradwerke ab Herbst 1903 das leerstehende Kondor‑Werk in der Wredowstraße 10. 1919 zog die Spielwarenfabrik Gundka – ursprünglich 1919 als Greppert & Kelch gegründet – in das Gebäude ein. 1930 übernahm die Heinrich König GmbH das Gelände und betrieb dort eine Honig‑ und Waffelfabrik, die in der DDR als Konsum‑Waffelfabrik (KONSÜ) weitergeführt wurde.
Aktuelle Nutzung und Erhalt
Seit 2021 hat Horn Immobilien das ehemalige Industrieensemble zu einer Wohnanlage mit Loft‑Wohnungen umgebaut. Dabei wurden die historischen Fassaden weitgehend erhalten, sodass das Ensemble heute ein sichtbares Zeugnis der industriellen Geschichte der Region darstellt.
Nur ein einziges Kondor‑Fahrrad ist heute erhalten: Es steht im Brandenburgischen Fahrrad‑Museum von Günther Bauch in der Rathenower Straße 8 und erinnert an die kurze, aber ereignisreiche Existenz der Kondor‑Fahrrad‑ und –Automobilwerke.