Historischer Triebwagen 30 der Straßenbahn Brandenburg feiert 115 Jahre Geschichte
Der historische Triebwagen 30 der Straßenbahn Brandenburg feiert sein 115-jähriges Bestehen und ist der einzige erhaltene Wagen der Anfangszeit. Nach Kriegsschäden und einer langen Arbeitsphase wurde er von Enthusiasten restauriert
Seit 115 Jahren durchquert die Straßenbahn Brandenburg an der Havel elektrisch die Stadt. Die Geschichte dieses Systems begann am 1. April 1911, als die ersten Fahrzeuge ihren Dienst aufnahmen. Im Jahr 1911 bestellte die Stadt 16 offene Motorwagen bei der Waggonfabrik „Gottfried Lindner“ aus Ammendorf bei Halle. Diese Wagen verfügten noch nicht über Außenschiebetüren. Bereits ein Jahr später, 1912, wurden für die Überlandstrecken nach Plaue und für die Außenlinie Görden geschlossene Triebwagen nachgeliefert. Zu dieser ersten Lieferung geschlossener Fahrzeuge gehörte auch der Triebwagen mit der Nummer 30, der heute als Traditionsstraßenbahn dient.
Mit 16 Sitzplätzen und Platz für 39 Stehende war der Wagen für die damalige Zeit gut dimensioniert. Besonders im Winter erfreute er sich großer Beliebtheit bei den Fahrgästen. Der Grund dafür lag in der Bauweise: Die vier Außentüren schützten effektiv vor Wind und Kälte, was den offenen Vorgängermodellen fehlte. Der Wagen war damit nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern auch ein komfortabler Rückzugsort für die Passagiere der kalten Jahreszeit.
Überleben im Krieg und das Ende des regulären Betriebs
Die Geschichte des Fahrzeugs war von vielen Wendepunkten geprägt. Im Jahr 1945, während der letzten Kriegstage, wurden die Straßenbahnen dezentral über das gesamte Stadtgebiet verteilt, um sie vor Fliegerangriffen und dem Beschuss durch heranrückende sowjetische Soldaten zu schützen. Der Triebwagen 30 stand zu diesem Zeitpunkt am Hauptbahnhof. Dort wurde er von einer Granate getroffen, die jedoch nicht zur Explosion kam. Dieser Treffer markierte das Ende einer gefährlichen Phase, ohne den Wagen zu zerstören.
Nach einer umfassenden Grundinstandsetzung Ende der 1950er Jahre schien der Wagen noch lange im Einsatz bleiben zu können. Doch Ende 1977 setzte eine neue rechtliche Lage dem Fahrgastverkehr ein Ende. Am 31. Dezember 1977 fuhren zwei Zweierzüge zum letzten Mal regulär zum Görden. An den Seiten der beiden Lindner-Triebwagen prangte der Schriftzug „Heute letzter Einsatztag“. Damit endete die Ära dieser Fahrzeugart im Personenverkehr in Brandenburg. Zumindest als Rangier- und Arbeitstriebwagen wurde der Wagen noch weiter genutzt.
Rettung durch Enthusiasten und Wiederbelebung
Das endgültige Aus schien im Jahr 1980 gekommen zu sein. Der Triebwagen 30 wurde jedoch erst 1982 endgültig ausgemustert, da er in den zwei Jahren zuvor noch der Gleisbauabteilung als Arbeitstriebwagen diente. Doch das war nicht das Ende der Geschichte. Von 1984 bis 1986 wurde der Oldtimer aufgrund einer Initiative von Straßenbahn-Enthusiasten um Jörg Schulze durch die Verkehrsbetriebe neu aufgebaut. Während der Wagen selbst aufwendig restauriert wurde, wurde der zugehörige Beiwagen damals leider verschrottet.
Die neuerliche Jungfernfahrt des restaurierten Museumsfahrzeugs fand am 11. Juni 1986 statt. Heute ist der Triebwagen 30 der einzig erhaltene „Lindner“-Wagen aus der Anfangszeit des elektrischen Betriebs in Brandenburg. Die Waggonfabrik Gottfried Lindner AG, die 1823 gegründet wurde und 1945 enteignet war, ging später im VEB Waggonbau Ammendorf auf, doch ihre historischen Fahrzeuge bleiben in Brandenburg lebendig. Der Traditionswagen wird heute regelmäßig zu Sonderfahrten eingesetzt und kann auch für Charterfahrten gebucht werden, um die Geschichte der Stadt auf Schienen zu erleben.