Fünfter CSD in Brandenburg an der Havel mit Besuch von Sozialminister Wilke
Zum fünften Mal zieht der CSD in Brandenburg an der Havel durch die Stadt, begleitet vom ersten Besuch des brandenburgischen Sozialministers René Wilke
In Brandenburg wird queeres Leben laut gelebt!
Beim allerersten CSD in Brandenburg an der Havel war die Teilnehmerzahl noch überschaubar: Kaum 100 bis 200 Menschen waren damals unterwegs, gerade genug, um den Demonstrationszug nicht auf dem Gehweg, sondern auf der Fahrbahn zu führen. In den Folgejahren wuchs die Zahl der Teilnehmenden stetig um weitere 50 bis 100 Personen pro Ausgabe. Am Samstag, dem 18. Juli, zieht der Zug nun zum fünften Mal in Folge durch die Stadt. Begleitet von Musik, Redebeiträgen und einer abschließenden Kundgebung am Springbrunnen vor dem Marienberg, reiht sich Brandenburg an der Havel auch in diesem Sommer in die Liste der Städte ein, die Vielfalt und Toleranz öffentlich feiern.
Los geht es um 14 Uhr am Hauptbahnhof. Organisiert wird die Veranstaltung vom Bündnis „Havel der Vielfalt“. Zu den treibenden Kräften zählen engagierte Mitglieder der Initiative, die vor fünf Jahren gegründet wurde. Der Ursprung lag in einem einfachen Wunsch: einen festen Treffpunkt für queere Menschen in der Stadt zu schaffen. „Wir haben uns gedacht, in Potsdam wurde schon gefragt, ob es auch etwas in Brandenburg gibt. Den queeren Stammtisch, den es früher mal gab, gab es da schon lange nicht mehr. Also haben wir überlegt, etwas Eigenes zu machen“, so ein Sprecher des Bündnisses.
Aus dieser Idee entstand die „Havelrunde“, ein offenes Treffen, das mittlerweile jeden dritten Donnerstag im Monat im Haus der Offiziere stattfindet. Das Gebäude in der Magdeburger Straße 15 hat eine bewegte Geschichte: Errichtet 1903/04 als Offizierskasino für das Kürassierregiment und nach 1945 als Unterkunft der sowjetischen Streitkräfte genutzt, dient es seit dem Jahr 2000 als soziokulturelles Zentrum der Jugendkulturfabrik (Jukufa). Hier finden sich heute Menschen zwischen 20 und über 40 Jahren zusammen. Ein neueres Mitglied der Initiative beschreibt den Einstieg so: „Ich wollte mir das eigentlich nur anschauen, dann wurde ich in eine Aufgabe mit eingebunden, und dann konnte ich auch nicht mehr sagen, ich will es nicht machen“.
Politische Forderungen und gesellschaftliches Klima
Dass der CSD weiterhin eine wichtige politische Dimension hat, liegt auch am veränderten gesellschaftlichen Klima. „Es ist schon feindseliger geworden“, sagen die Organisatoren. Es wird von wiederkehrenden Vorfällen, Beleidigungen und Hass berichtet. Die Kritik, der CSD sei mittlerweile eine reine Festveranstaltung, wird entschieden zurückgewiesen: „Wenn man den CSD irgendwann wirklich auch als Partyveranstaltung sehen kann, um zu feiern, dass wir sichtbar sind, das wäre schön. Aber ich glaube, der Weg dahin ist noch echt lang.“
Dementsprechend deutlich fällt die Forderungsliste der Veranstalter aus. Im Zentrum stehen eine Reform des Abstammungsrechts, die Einrichtung von Queer-Beauftragten auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene sowie ein gesetzlich verankerter Schutz vor Diskriminierung. Hinzu kommen Forderungen nach einem Bleiberecht für queere Geflüchtete, einer dauerhaften Förderung queerer Projekte und Bildungsarbeit sowie dem Erhalt von Räumen wie dem Haus der Offiziere. Ein Ende des sogenannten Pinkwashings bei Pride-Veranstaltungen ist ebenso gefordert wie kostenlose, diskriminierungsfreie medizinische Versorgung und die lückenlose Aufklärung rechter Gewalt durch unabhängige Kommissionen. Der CSD 2026 steht unter dem Motto „Für ein solidarisches Brandenburg“ und gedenkt insbesondere Opfern rechter Gewalt.
Unterstützung durch die Stadt und neue Gesichter
Von der Stadt selbst bekommt die Initiative inzwischen spürbaren Rückhalt. „Wir haben regelmäßig Kontakt mit Jeannette Horn, der Gleichstellungsbeauftragten hier. Wir sind auch schon bei Oberbürgermeister Daniel Keip vorgestellt worden. Der unterstützt uns wirklich auch aktiv, das gibt schon ziemlich Hoffnung, dass der Oberbürgermeister an der Stelle zeigt: Ich unterstütze das Ganze“, so die Veranstalter. Ein sichtbares Zeichen setzte die Stadtverwaltung bereits in diesem Jahr: Am 17. Mai 2026, zum Internationalen Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie (IDAHOBIT), wurde die Regenbogenflagge erstmals am Altstädtischen Rathaus gehisst.
Der Wunsch nach einem dauerhaften Zeichen, einer festen Beflaggung, ist zwar groß, doch die Initiative würdigt das bisherige Engagement: „Es ist schon gut, dass Brandenburg das überhaupt macht, viele Städte haben so etwas gar nicht“, betont ein Sprecher. Ein Vergleich mit Rheinsberg zeigt, wie wichtig solche Symbole sind: Dort gab es den CSD erst, nachdem sich der Bürgermeister gegen das Hissen der Flagge ausgesprochen hatte. Die Rheinsberger entschieden daraufhin, ihre Vielfalt eben anders zu zeigen – laut und bunt auf der Straße. Was ein Symbol wie die Regenbogenflagge bewirken kann, beschreibt ein Organisator so: „Das Zeichen ist bekannt, die Leute können einordnen, was dahintersteckt. Deswegen ist es ein gutes Zeichen, dafür einzustehen, auch als Stadt.“
Für die Initiatoren hat der Regenbogen noch eine zweite, persönliche Bedeutung. Als Lehrerin nutzt eine der Verantwortlichen ihn, um Schülerinnen und Schülern zu signalisieren, dass sie bei ihr sicher sind. Dabei schmunzelt sie über die Doppeldeutigkeit: „Ich bin Physiklehrerin, der Regenbogen gehört sowieso zu meinem beruflichen Feld.“
Ein neues Kapitel mit Sozialminister Wilke
Neu in diesem Jahr ist der Besuch von Sozialminister René Wilke. Der SPD-Politiker hat das Amt des Ministers für Arbeit, Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Brandenburg erst im März 2026 angetreten. Er hat sich zum Ziel gesetzt, sich für diesen Sommer jeden Monat einen CSD im Land auszusuchen. Brandenburg an der Havel ist im Juli seine erste Station. „Er nimmt das ziemlich ernst. Er war schon mal bei unserem Vernetzungstreffen dabei und hat wirklich ein offenes Ohr dafür“, betont die Initiative.
Ihr eigentliches Ziel reicht jedoch über den einen Tag im Juli hinaus. Die Organisatoren wünschen sich einen festen queeren Safe Space in der Stadt, perspektivisch auch mit einer Beratungs- und Teststelle, damit Jugendliche mit Fragen nicht erst in eine andere Stadt fahren müssen. Aus der bisher losen Gruppe soll dafür ein eingetragener Verein werden. Bis dahin bleibt vieles ehrenamtlich, neben Ausbildung, Schuldienst und Gewerkschaftsengagement. Eine der Verantwortlichen unterrichtet inzwischen in Rathenow, engagiert sich aber weiter für die Szene in Brandenburg an der Havel. Für das viele Engagement gehen auch mal ein paar Stunden Schlaf drauf. „Man will es ja nicht halbherzig machen“, sagt ein weiterer Teilnehmer dazu.
Denn darum geht es den beiden im Kern: um Räume, die bleiben, und um Sichtbarkeit, die wächst. „Wir sind alle hier willkommen. Wir wollen einen Raum für alle schaffen, an dem sie sich wohlfühlen, unabhängig von der sexuellen Orientierung“, unterstreicht ein Sprecher abschließend.