Magdeburgs ÖPNV: Gute Bänke, schwache Leitsysteme
Der ADAC testete 149 Haltestellen in Magdeburg und lobt die gute Ausstattung mit Bänken, bemängelt aber starke Defizite bei Leitsystemen für blinde Menschen
Wie barrierefrei sind Bus- und Straßenbahnhaltestellen in Deutschland tatsächlich? Diese Frage hat der ADAC im Rahmen eines bundesweiten Tests gestellt. Auch in der Landeshauptstadt Magdeburg wurden 149 Haltestellen für Fahrten zu vier zentralen Zielen wie Rathaus, Einkaufszentrum, Krankenhaus und Schwimmbad untersucht. Das Fazit der Prüfer fällt für Magdeburg insgesamt solide bis gut aus: Die Stadt schneidet bei der Ausstattung für mobilitätseingeschränkte und blinde Menschen überdurchschnittlich gut ab. Gleichzeitig offenbaren die Tests jedoch deutliche Defizite, wenn es um die Orientierung auf dem Weg zur Haltestelle für sehbehinderte Fahrgäste geht.
Seit dem 1. Januar 2022 gilt die gesetzliche Vorgabe, dass der Öffentliche Personennahverkehr grundsätzlich barrierefrei sein muss. Der ADAC hat diese Vorgabe in den zehn Städten Augsburg, Bielefeld, Braunschweig, Chemnitz, Erfurt, Kassel, Magdeburg, Mainz, Mannheim und Rostock überprüft. Bewertet wurden dabei der Zugang zur Haltestelle, die technische Ausstattung sowie der eigentliche Zustieg in Bus und Bahn. Für eine praxisnahe Einschätzung begleiteten Menschen mit Mobilitäts- und Sehbeeinträchtigungen die Vor-Ort-Tests.
Einstieg und Sitzgelegenheiten als Stärke
Für Fahrgäste im Rollstuhl, mit Rollator oder Kinderwagen ist ein stufenloser Einstieg entscheidend. Zwar wurde der vom ADAC empfohlene Abstand zwischen Bordsteinkante und Fahrzeug von maximal fünf Zentimetern in Waagrechter und Höhe – das sogenannte Spaltmaß – an keiner der getesteten Magdeburger Haltestellen vollständig erreicht. Dennoch hebt der ADAC die Magdeburger Verhältnisse ausdrücklich positiv hervor. Die empfohlenen Werte wurden meist nur um wenige Zentimeter überschritten, was den Einstieg in vielen Fällen einfacher macht als in anderen deutschen Städten.
Besonders positiv fällt Magdeburg bei den Sitzgelegenheiten auf. Während Armlehnen an Haltestellen bundesweit eher die Ausnahme darstellen, verfügen in Magdeburg rund 57 Prozent der untersuchten Haltesteige über Sitzbänke mit Armlehnen. Damit gehört die Landeshauptstadt im Vergleich zu den anderen getesteten Städten zu den Spitzenreitern. Gerade für ältere Menschen oder Fahrgäste mit Gehbehinderungen erleichtern diese Armlehnen das Hinsetzen und Aufstehen erheblich.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Fahrpersonal. Der Test zeigt, dass oft das Fahrkönnen und die Aufmerksamkeit der Fahrer darüber entscheiden, wie treffsicher eine Haltestelle angefahren wird und wie gut der Einstieg gelingt. Der ADAC betont daher, dass regelmäßige Schulungen des Personals unabdingbar sind, da nicht jedem Fahrgast eine Einschränkung von Weitem anzusehen ist.
Innovatives BIOS-System und vorbildliche Klinik
Ein Highlight für sehbehinderte Menschen ist das innovative barrierefreie Informations- und Ortungssystem (BIOS) der Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB). Laut Auskunft der Stadt wurde dieses System im Dezember 2025 abgenommen. Seither sind 60 Busse und 58 Straßenbahnen damit ausgestattet. Mithilfe von Smartphone- und Bluetooth-Technologie können Fahrgäste wichtige Informationen zur Orientierung und Nutzung des ÖPNV direkt abrufen. Die Installation wurde von der Systemtechnik GmbH aus Sömmerda durchgeführt und vom Bundesministerium für Verkehr gefördert.
Vorbildliche Lösungen fanden die Tester zudem am Universitätsklinikum Magdeburg. Dort wurden Leitstreifen, Einstiegsfelder und spezielle Informationstaster für blinde und sehbehinderte Menschen besonders positiv bewertet. Auch die Haltestelle Alter Markt wird derzeit nach dem „Magdeburger Standard“ umgebaut, wodurch sich die Nutzung für seh- und mobilitätseingeschränkte Personen erheblich verbessern wird. Der Umbau läuft seit März 2026; die Straßenbahnhaltestellen sind bis November 2026 gesperrt, was die aktuelle Testphase des ADAC überlagert.
Defizite bei der Auffindbarkeit
Trotz dieser positiven Ansätze sieht der ADAC in Magdeburg noch deutlichen Handlungsbedarf. Der größte Kritikpunkt betrifft die Auffindbarkeit vieler Haltestellen für blinde Menschen. Nur etwa 20 Prozent der untersuchten Haltestellen verfügen über sogenannte Auffindestreifen, die vom Gehweg direkt zur Haltestelle führen und eine sichere Orientierung ermöglichen. Damit gehört Magdeburg gemeinsam mit Mainz zu den schwächeren Städten im Test.
Kritisch bewerten die Prüfer zudem fehlende taktile Sicherungen an Radwegen und an Fahrbahnüberquerungen im Bereich von Haltestellen. An einzelnen Standorten wurden zu schmale Haltesteige, fehlende Leitstreifen entlang der Gleise, irreführende Strukturen am Boden sowie Hindernisse wie Mülleimer, Schilder oder Pfosten festgestellt, die unmittelbar neben Leitsystemen platziert sind.
Rechtliche Hürden und praktische Tipps
Der ADAC fordert, den Ausbau barrierefreier Haltestellen schneller voranzutreiben und das notwendige Budget bereitzustellen. Die Umsetzung wird oft verzögert, da mehrere Stellen wie Kommunen, Verkehrsbetriebe, -verbünde sowie Straßenverkehrsbehörden zuständig sind. Hinzu kommt ein rechtliches Problem: Die Nutzungsfristen für barrierefreie Anlagen liegen je nach Bundesland und Art der Anlage zwischen 10 und 25 Jahren. Diese langen Fristen erschweren schnelle Modernisierungen, sobald technische Neuerungen verfügbar sind.
Barrierefreiheit endet jedoch nicht bei Rampen und Leitsystemen. Sowohl Betroffene als auch Mitreisende können die Situation im ÖPNV verbessern. Da Rollstuhlfahrende und blinde Menschen häufig nur bestimmte Einstiegstüren und Flächen in den Fahrzeugen nutzen können, sollten diese Bereiche möglichst freigehalten werden. Zur besseren Planung ihrer Verbindungen finden Betroffene in den Apps oder auf den Webseiten vieler Verkehrsunternehmen spezielle Mobilitätseinstellungen mit Informationen zu Aufzügen und barrierefreien Zugängen.