Grüne fordern kostenlose Menstruationsprodukte an Schulen in Brandenburg an der Havel
Die Grünen-Fraktion in Brandenburg an der Havel fordert kostenlose Menstruationsprodukte an Schulen, während die Stadtverwaltung diese als individuellen Bedarf abstempelt
Die Sommerferien laufen, der Schulbetrieb ist runtergefahren – und gerade jetzt ist Zeit für Themen, die im Alltag oft untergehen. Eines davon: Die Menstruation und der Zugang zu Tampons und Binden an Brandenburger Schulen. In Toiletten, Sekretariaten und Ausschüssen zeigt sich, dass sich etwas bewegt – aber auch, wie groß die Hürden noch sind. Tampons und Binden gehören für viele Mädchen und Frauen zum Alltag. Trotzdem ist die Periode oft mit Scham belegt. An der Johann-Heinrich-Pestalozzi-Schule in Brandenburg an der Havel macht ein Tamponautomat auf der Toilette sichtbar, dass darüber anders gesprochen werden kann. Ein Aushang verweist dort auf Periodenarmut – also auf die Situation von Mädchen und Frauen, die sich Menstruationsprodukte nicht oder nur schwer leisten können.
Politische Debatte und strukturelle Hürden
Die lokale Grünen-Fraktion um Ko-Vorsitzende Theresa Pauli hat das Thema kürzlich mit einer Anfrage in die Stadtverordnetenversammlung gebracht. Pauli, die für die Ressorts Soziales, Familie und Senioren zuständig ist, kritisiert die Haltung der Verwaltung scharf. Die Stadtverwaltung listet zwar in ihrer Antwort auf, an welchen Schulen Menstruationsartikel bereitgestellt werden – etwa im Sekretariat, über die Schulsozialarbeit oder durch Hygienespender –, hält aber fest, dass Menstruationsprodukte als „persönlicher Pflegebedarf“ gelten. Eine flächendeckende Versorgung sei derzeit nicht eingeplant.
„Die bürokratische Sichtweise war noch nie zeitgemäß und entspricht einer patriarchalen Denkweise“, sagt Pauli. Ihrer Meinung nach wird ein strukturelles Problem, das die Hälfte der Schülerschaft betrifft, fälschlicherweise als individuelles Problem eingeordnet. „Die Monatshygiene ist noch stark tabu- und schambehaftet“, so Pauli weiter. Gerade für jüngere Mädchen könne der Gang ins Sekretariat eine hohe Hürde sein. „Ich hätte mich das als 11-Jährige bestimmt nicht getraut“, gibt sie zu bedenken.
Schülerinitiativen gehen voran
Während die Verwaltung auf Einzelinitiativen setzt, haben Schülerinnen am Bertolt-Brecht-Gymnasium selbst gehandelt. Der LiSa-Club, eine Arbeitsgemeinschaft engagierter Schülerinnen und Schüler, stellte die Frage, was auf den Schultoiletten noch fehle, um sich im Alltag wirklich wohlzufühlen. Die Antwort aus Sicht der Mädchen war eindeutig: kostenfreie Menstruationsprodukte für den Notfall, ohne dass man erst eine Freundin oder Lehrkraft ansprechen muss.
Die Lehrerin Wiebke Griephan bestätigt den Wunsch der Schülerinnen. „Die Schülerinnen haben ganz klar selber den Wunsch nach kostenfreien Menstruationsprodukten für den Notfall geäußert“, sagt sie. Dank des Fördervereins konnten drei Hygienespender samt Erstbefüllung angeschafft werden, die Anfang Juli kurz vor Ferienbeginn im Schulgebäude angebracht wurden. „Bis jetzt habe ich nur positives Feedback von den Schülerinnen bekommen. Sie finden es cool, dass das Brecht-Gymnasium ihnen diese Möglichkeit bietet“, so Griephan. Der LiSa-Club hat die Aktion begleitet und in der Schülerschaft dafür geworben, verantwortungsvoll mit den Produkten umzugehen. Die Artikel sollen dort für überraschende Situationen da sein – nicht als allgemeine Vorratsquelle für zu Hause.
Die Rolle der Kinder- und Jugendbeauftragten
Auch Kinder- und Jugendbeauftragte Janne Sophie Engeleiter, die seit Juni 2025 im Amt ist, erlebt das Thema als hochrelevant, aber noch stark tabubehaftet. In einer Kinder- und Jugendsprechstunde sei eine Schülerin erst nach der eigentlichen Sitzung zu ihr gekommen, um über die Versorgung mit Menstruationsartikeln zu sprechen. Das sei ein deutlicher Hinweis darauf, wie groß die Hemmungen sind. „Die Hürde ist hoch, wenn du wegen eines Tampons erst ins Sekretariat gehen musst“, sagt Engeleiter.
Viele Jugendliche seien überrascht von der ersten Periode oder hätten spontan keinen Vorrat zur Hand. Für sie ist klar: „Wenn es die Produkte einfach in den Schultoiletten gäbe, wäre die Hemmschwelle viel kleiner.“ Das Thema betreffe nicht nur einzelne Schulen, sondern die Frage, wie ernst eine Stadt die Lebensrealität von Jugendlichen nimmt. Menstruation sei „kein Thema, das versteckt werden sollte“, sondern Teil eines Alltags, der in Schule und Jugendangeboten mitgedacht werden müsse.
Missbrauchsvorwürfe und internationale Vergleiche
Die Verwaltung verweist in ihrer Antwort auch auf die Sorge vor „missbräuchlicher Verwendung“. Aus Sicht von Pauli und Engeleiter darf dieses Argument nicht den Blick auf die alltägliche Notlage verstellen. „Natürlich kann es einzelne Fälle geben, aber darunter sollten nicht die vielen leiden, die im Notfall auf Hilfe angewiesen sind“, sagt Pauli. Engeleiter betont, dass verantwortungsvolles Handeln mit Schülern geübt werden könne – so wie es etwa bei anderen Werten und Themen im Schulalltag längst üblich sei.
Der Vergleich mit anderen Ländern zeigt, dass eine andere Politik möglich ist: Während Schottland bereits 2020 als erstes Land weltweit die kostenlose Bereitstellung von Menstruationsprodukten gesetzlich verpflichtend machte, hinkt Brandenburg hinterher. Zwar gibt es seit 2020 eine gesenkte Mehrwertsteuer für Menstruationsprodukte, doch eine landesweite Verpflichtung zur kostenlosen Bereitstellung an Schulen fehlt bisher. Die Debatte um Periodenarmut, Tabus und Zugänge zu Menstruationsprodukten ist damit mehr als eine Detailfrage der Ausstattung – sie berührt das Selbstverständnis einer Stadt, wie sie über Körperlichkeit, Scham und gleiche Chancen für alle spricht.
Ausblick und Forderungen
Beispiele wie der Tamponautomat an der Pestalozzi-Schule oder die Spender am Brecht-Gymnasium zeigen, dass Veränderungen möglich sind. Theresa Pauli sieht in diesen Initiativen den Beweis, dass Schülerinnen sehr genau wissen, was sie brauchen, und Verantwortung übernehmen können. „Im Sinne der Jugendbeteiligung wäre es gut, im Rahmen der nächsten Jugendbefragung auch dieses Thema abzufragen“, sagt Pauli. „Ebenso wären Hygienespender an anderen öffentlichen Orten eine gute Idee. Einige Restaurants gehen da mit gutem Beispiel voran.“