Brandenburg warnt vor Panik bei Wildschwein-Sichtungen
Die Stadt Brandenburg an der Havel warnt vor Panik bei zunehmenden Wildschwein-Sichtungen und setzt stattdessen auf Aufklärung sowie ein enges Monitoring der Tierbewegungen
„Bei aller Sympathie für unsere heimische Tierwelt darf nicht vergessen werden, dass Wildschweine Wildtiere sind. Sie gehören in ihren natürlichen Lebensraum und nicht dauerhaft in Wohngebiete, Parks oder direkt vor Haustüren“. Diese Sorge teilt die Brandenburgerin Steffi Wegener, die der Unteren Jagdbehörde von zwei beunruhigenden Begegnungen mit derselben Rotte berichtet hat. Zuerst traf sie die Tiere im Humboldthain, später direkt vor ihrer Haustür in der Klosterstraße. Dort versperrten die Wildschweine ihr den Weg zum Auto, was sie sogar zu spät zur Arbeit kommen ließ. Ihre Bedenken um die Sicherheit von Kindern, Hundebesitzern und Passanten haben in der Stadt für Gesprächsstoff gesorgt und die Frage aufgeworfen: Reichen Appelle noch aus, oder muss die Stadt jetzt härter durchgreifen?
Keine „Plage“, aber ein wachsendes Problem
Die Stadtverwaltung stellt dazu klar: Brandenburg an der Havel ist kein Ausnahmefall, sondern Teil einer bundesweit zu beobachtenden Entwicklung. Wildschweine gelten als klassische Kulturfolger. Sie haben sich ähnlich wie Fuchs oder Marder an urbane Räume angepasst und nutzen Grünzüge, Parks, Friedhöfe und ruhige Straßenabschnitte genauso selbstverständlich wie Wälder und Felder. Dass sie nun auch in innerstädtischen Bereichen wie der Altstadt und im Nordviertel häufiger gesehen werden, bedeutet jedoch nicht automatisch, dass von einer „Wildschweinplage“ die Rede sein muss. Nach aktuellem Lagebild der Unteren Jagdbehörde gibt es dafür keine Grundlage.
Ein gezieltes und nachhaltiges Vertreiben ist aus Sicht der Behörde grundsätzlich nicht möglich. Gehetzte oder in die Enge getriebene Tiere könnten gerade dann zur Gefahr für Menschen und Haustiere werden. Vergrämungsmittel helfen in einem großräumigen, durchmischten Stadtgebiet nur begrenzt, da die Tiere schlicht andere Wege suchen. Auch drastische Maßnahmen wie der Einsatz von Schusswaffen oder Fallen sind in befriedeten Bezirken – also Wohngebieten, in denen besondere Sicherheitsauflagen gelten – rechtlich stark eingeschränkt. Sie dienen dem Schutz der Bevölkerung und sollen verhindern, dass aus Angst kurzfristige Lösungen geschaffen werden, die langfristig mehr Probleme erzeugen.
Monitoring und Aufklärung statt Panik
Statt auf spektakuläre Aktionen setzt die Untere Jagdbehörde auf ein enges Monitoring. Meldungen von Bürgern, Polizei, Feuerwehr, dem Krugpark, dem Veterinäramt und der Naturschutzbehörde werden gesammelt, um Bewegungsprofile und Aufenthaltsorte der Tiere besser einschätzen zu können. Meik Fabian, der seit 2018 bei der Unteren Jagdbehörde tätig ist und 2021 seinen eigenen Jagdschein machte, um praktisch eingreifen zu können, wertet diese Daten aus. Für ihn sind die vielen Berichte der Bürger ein wertvolles Werkzeug, um zu erkennen, wo Wildschweine regelmäßig entlangziehen und wo jagdrechtliche Maßnahmen überhaupt möglich sind.
Parallel dazu setzt die Stadtverwaltung bewusst auf Aufklärung. Die Botschaft ist eindeutig: Wachsam ja, Panik nein. Wer einem Wildschwein begegnet, soll Abstand halten, Ruhe bewahren und dem Tier den Rückzug ermöglichen. Hektik, Nachlaufen oder bewusstes Provozieren sind tabu. Hunde gehören an die Leine, gerade wenn Wildschweine in der Nähe sind. Genauso wichtig ist es, keine Futteranreize zu schaffen: Wildschweine nicht füttern, Futterstellen sichern, Kompost und Müll so schützen, dass sie für Wildtiere wenig einladend sind. Wer sein Grundstück zusätzlich schützen möchte, kann sich von der Unteren Jagdbehörde beraten lassen – auf Wunsch auch direkt vor Ort. Die Behörde empfiehlt etwa die Errichtung von Zäunen mit einer Höhe von mindestens 1,20 Metern oder den Einsatz von Vergrämungsmitteln wie Chillisud.
Hintergründe und aktuelle Lage
Die Situation in Brandenburg an der Havel steht in einem interessanten Kontrast zu anderen Regionen. Während in der Uckermark im Juli 2026 erneut die Afrikanische Schweinepest (ASP) bei Wildschweinen nachgewiesen wurde, was zu verschärften Bekämpfungsmaßnahmen und verlängerten Anzeigeverfahren bis 2029 führte, ist die Lage in der Stadt selbst anders. Zwar gibt es keine exakte Bestandszahl, aber die Behörde stützt sich auf Schätzungen und das Meldesystem. Der einzige schwerwiegende Zwischenfall, der Meik Fabian in Brandenburg an der Havel bekannt ist, ereignete sich in Plaue, wo ein Hund von Wildschweinen angegriffen wurde.
Die vielen Fotos und Geschichten der letzten Monate zeigen: Wildschweine sind für viele Brandenburger einerseits faszinierende Nachbarn, die für Gesprächsstoff sorgen – vom „Bademeister“ im Swimmingpool bis zur Rotte auf den Tram-Gleisen. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass es irgendwann zu einem schweren Zwischenfall kommen könnte. Die Stadtverwaltung versucht, genau diese Spannung aufzulösen. Wildschweine sollen als das wahrgenommen werden, was sie sind: Wildtiere, die längst auch in der Stadt leben, ohne dass man von einer Plage sprechen muss. Wer ihnen mit Respekt, Abstand und Ruhe begegnet und die eigenen Flächen nicht zur Futterquelle macht, trägt dazu bei, dass Menschen und Tiere die Stadt weiterhin gemeinsam nutzen können – ohne Angst.