Pestel-Institut fordert Boomer-Zuschüsse für altersgerechten Wohnungsumbau in Magdeburg
Nur sechs Prozent der knapp 148.200 Wohnungen in Magdeburg entsprechen den Anforderungen für ein selbstständiges Leben im Alter. Angesichts des bevorstehenden Renteneintritts von rund 32.600 Babyboomern in den nächsten zehn Jahren fordern das Pestel-Institut und der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel eine massive Förderoffensive. Statt der aktuellen Teilförderungen plädieren die Experten für direkte „Boomer-Zuschüsse" des Bundes, um Barrieren wie schmale Türen und zu kleine Bäder in den Bestandswohnungen schnellstmöglich abzubauen.
Nur jede sechste Wohnung in Magdeburg ist für das Leben im Alter vorbereitet. Eine aktuelle Untersuchung des Pestel-Instituts im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Von den knapp 148.200 Wohnungen in der Landeshauptstadt erfüllen lediglich rund 8.600 die Voraussetzungen, damit ältere Menschen auch mit Rollator oder Rollstuhl selbstständig darin leben können. Das entspricht etwa sechs Prozent des gesamten Wohnungsbestandes.
„Damit bieten nur rund sechs Prozent aller Wohnungen in Magdeburg den Standard, der nötig ist, um mit körperlichen Einschränkungen oder auch als Pflegefall darin alt zu werden", erklärt Matthias Günther, der das Pestel-Institut leitet. Das seit über 40 Jahren tätige Forschungsinstitut ist spezialisiert auf solche kommunalen Wohnungsmarktanalysen und erstellt regelmäßig den „Pestel-Wohnmonitor" für Städte und Regionen.
Dringender Handlungsbedarf durch Babyboomer-Generation
Die Zahlen werden angesichts der demografischen Entwicklung noch dringlicher. In den kommenden zehn Jahren werden in Magdeburg rund 32.600 Menschen der Babyboomer-Generation in Rente gehen. Dieser Renteneintritt der Jahrgänge 1954 bis 1969 beschleunigt sich ab Mitte der 2020er Jahre, bis 2036 erreichen alle verbliebenen Boomer das Rentenalter.
„Ziel muss es sein, möglichst schnell für mehr Seniorenwohnungen in Magdeburg zu sorgen. Denn die werden früher oder später gebraucht. Und auf Dauer ist jede altersgerechte Sanierung günstiger als ein Umzug ins Heim", sagt Katharina Metzger, Präsidentin des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel. Metzger ist die erste Frau an der Spitze des 117-jährigen Verbandes; sie führt die Metzger-Gruppe in der zweiten Generation und war zuvor Sprecherin der Eurobaustoff-Fachgruppe „Trockenbau".
Massive Defizite bei Badezimmern und Zugängen
Nach Einschätzung des Pestel-Instituts müssen vor allem ältere Bestandswohnungen umgebaut werden. Dabei gehe es um den Abbau von Barrieren wie Schwellen, Stufen und Treppen sowie um ausreichend breite Türen und genügend Bewegungsfläche. Bereits am Hauseingang beginnen häufig die Probleme: Laut Untersuchung sind 20 Prozent aller Hausflure in Magdeburg nicht breit genug für eine problemlose Nutzung mit dem Rollstuhl. Davon betroffen sind rund 26.300 Wohnungen. Oft seien zudem die Haustüren zu schmal.
Auch innerhalb der Wohnungen bestehen erhebliche Defizite. Zwar verfügen 71 Prozent der Wohnungen über ausreichend große Küchen. Umgekehrt bedeutet dies jedoch, dass in rund 42.200 Küchen Menschen mit Rollstuhl nicht wenden können. Bei den Badezimmern sind nach Angaben des Instituts 60.700 und damit 41 Prozent zu klein. Als besonders wichtig für das selbstständige Wohnen im Alter gilt eine bodengleiche Dusche. Diese gibt es derzeit jedoch nur in rund 29.000 Wohnungen in Magdeburg. Damit erfüllen lediglich 20 Prozent aller Wohnungen dieses zentrale Kriterium.
„Die begehbare Dusche ist das A und O, um in der eigenen Wohnung alt werden zu können", betont Matthias Günther. Beim altersgerechten Umbau sollte deshalb insbesondere das Badezimmer modernisiert werden. Allerdings könne dies bei älteren Gebäuden schwierig sein. Gerade in Wohnhäusern aus den 1950er Jahren seien Decken oft zu dünn, um eine bodengleiche Dusche problemlos einzubauen.
Forderung nach „Boomer-Zuschüssen" und Kritik an der Förderung
Sowohl das Pestel-Institut als auch der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel sehen deshalb dringenden Handlungsbedarf. Der altersgerechte Umbau sei über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Nun brauche es eine umfassende „Senioren Umbau Offensive", um den Wohnungsbestand fit für die alternde Gesellschaft zu machen. Gefordert werden dabei sogenannte „Boomer Zuschüsse", mit denen Eigentümer und Mieter beim barrierearmen Umbau unterstützt werden. Nach Ansicht der Wissenschaftler sollte der Bund einen Großteil der Umbaukosten als direkten Zuschuss übernehmen.
Die derzeitigen Fördermöglichkeiten reichen aus Sicht des Pestel-Instituts nicht aus. Die bestehende Förderung von zehn Prozent beim Badumbau bezeichnet Institutsleiter Matthias Günther als unzureichend. Auch der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel kritisiert die Vielzahl unterschiedlicher Förderprogramme von KfW, Krankenkassen und Pflegeversicherung. Die aktuelle KfW-Förderung (Programm 455-B) gewährt maximal 25.000 Euro Zuschuss pro Wohneinheit für Einzelmaßnahmen, was als Bruchteil der Kosten für einen vollständigen barrierefreien Umbau kritisiert wird.
Katharina Metzger fordert daher, das altersgerechte Umbauen zu einem Schwerpunkt der Wohnungsbaupolitik zu machen. Dafür müsse der Bund einen milliardenschweren Zuschuss bereitstellen, um den dringend benötigten Sanierungsschub für seniorengerechtes Wohnen auszulösen. Die Notwendigkeit ist groß: In Sachsen-Anhalt wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2040 auf über 220.000 ansteigen, während gleichzeitig das Arbeitskräftepotenzial für Pflegeberufe um 21 Prozent sinken wird.